alle Neuigkeiten & Termine

findest du bereits jetzt » auf unserer neuen Seite

Drucken

活到老练到老 - Huó dào lǎo, liàn dào lǎo

Lian Dao Lao
Textgröße

Üben, Üben nochmals üben... bis einem schlecht wird oder der Koch eben einmal mehr zum Mittagessen ruft ;)

Der obige Ausspruch ist eine kleine Abwandlung der Redewendung 'huó dào lǎo, xué dào lǎo' – was einen vielleicht ein wenig an unser 'life long learning' erinnert (wörtlich: leben bis man alt ist – lernen solange man lebt). Nur bezieht es sich im Gegensatz zum westlichen Konzept nicht vorwiegend auf das unaufhörliche Anhäufen neuen Wissens. Es deckt sich eher mit unserem 'Wer rastet, der rostet' – und zwar in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht. Das bestätigt einmal mehr die Ergebnisse aus meiner Abschlussarbeit: Chinesen legen weitaus mehr Wert auf die 'innere' (also psychische) Dimension, als wir des im Westen tun.

 

Und was hat das jetzt mit unserer kleinen hier Abwandlung zu tun? Naja im Prinzip lässt sich der gleiche Aspekt auch auf die Kampfkünste übertragen. Im Wushu gibt es kein Ende, kein 'ich habe fertig' oder Perfekt und auch nicht die absolute Meisterschaft. Genauso wie bei jeder anderen Sportart (auch wenn Wushu weit mehr ist als ein 'Sport') gilt auch hier: regelmäßig... so lange wie man es eben körperlich kann. Das gute darin ist ja, dass es hier für jedes Alter etwas gibt ;)

Lian%20dao%20lao%204

'Ein Leben lang' schon allein deswegen, weil die chinesischen Kampfkünste ein schier grenzenloses Universum darstellen, das es zu entdecken – und zu erleben – gilt. Selbst wenn man sich auf nur eine einzige Kunst; einen einzigen Stil festlegt: meistens gibt es so viele verschiedene Techniken – Schläge, Tritte, Hebel, Würfe und so weiter - dass man nicht selten Jahre braucht, um das ganze System überhaupt erst einmal kennen zu lernen. Deswegen hat man diese Dinge aber noch lange nicht verstanden...

Dann folgen weitere Jahre, um all das auch intensiv zu trainieren – die zugrunde liegenden Prinzipien zu erfahren, zu durchdringen und... zu verstehen. Das Schleifen, Verbessern und Perfektionieren findet parallel zu jeder Zeit und auf allen Ebenen statt... ein Ende hierfür gibt es nicht. Der Weg ist hier tatsächlich das Ziel.

Oftmals trennt jedoch schon die erste Stufe die Spreu vom Weizen. Die Einen, die um des 'Können' willens trainieren bzw. üben - und die Anderen, denen es um das Tun und 'darin wachsen' geht. Mit einer extrinsichen Motivation – z.B. 'hey ich kann jetzt Kungfu!' verlieren nicht Wenige früher oder später den Antrieb, die Motivation und die Freude an der Sache. Den anderen Pol bilden all Jene, für die Wushu ein Teil ihres Lebens ist, und mehr als nur ein Zeitvertreib oder ein Hobby darstellt. Sie werden von einer intrinsischen Motivation getrieben. Je tiefer man eintaucht, je mehr man sieht, lernt und versteht, desto mehr will man wiederum lernen, wissen und begreifen. Eine Endlos-Schleife und eine unendliche Reise – bis ans Lebensende eben. Wozu also die Hast, innerhalb von ein paar Wochen eine tolle Form lernen zu wollen, wenn man doch theoretisch ein ganzes Leben für das Durchdringen dieses Wushu-Versums hat?

Natürlich gibt es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch alle möglichen Schattierungen dazwischen. Und es ist ok so – es kann auch nicht jeder Bäckermeister werden und nicht alle haben die Zeit, die Lust oder die Energie, sich so intensiv mit einer Sache – z.B. dem Wushu – zu beschäftigen...

Daneben gibt es aber auch noch einen anderen Aspekt, der einfach seine Zeit (und seine Ruhe) braucht. Das Taijiquan z.B. wird öfters als 'Ruhe in Bewegung' bezeichnet. Sofern der Ablauf einer bestimmten Form erst einmal 'automatisiert' ist und der Kopf abschalten kann, während der Körper sein inzwischen vertrautes Bewegungsmuster durchläuft, geht man ganz auf im Wechselspiel von Atmung und Bewegung. Dieser Zustand wird im Chinesischen auch als '入静 rù jìng (Eintauchen in die Stille)' bezeichnet. Aber z.B. auch im Shaolin-Kungfu, so wie es ursprünglich geübt wurde (Kungfu bzw. 'gongfu' im Sinne des ständigen Übens), ist der Aspekt der bewegten Meditation enthalten. Wir erinnern uns an den indischen Mönch Daruma (chin. 達摩 Damo, zu deutsch Bodhidharma), der den körperlich nicht sonderlich fitten daoistischen Mönchen als Ausgleich zu ihrer täglichen Meditationspraxis im Sitzen überhaupt erst einmal etwas Körperertüchtigung beibrachte. Daraus entstanden später die beiden bekannten Systeme Xǐsuǐjīng (chin. 洗髓經) und Yìjīnjīng (chin. 易筋經), woraus später wiederum das bekannte 'Shaolin-Kungfu' hervor ging.

Genauso wie es der ein oder andere vielleicht vom Laufen kennt, oder vom Klettern oder einer anderen Tätigkeit, in der man ganz aufgeht, so ist es in der Buddhistischen Praxis auch mit solchen Dingen wie den Boden fegen, ein Mantra singen... oder eben 1000-fach ein und die selbe Technik wiederholen. Man denkt dabei nicht an das Ziel oder das 'Fertig', sondern konzentriert sich auf das Tun... und geht darin auf. Auch das ist rù jìng. Ab einem gewissen Punkt merkt man gar nicht mehr, wie die Zeit dabei vergeht. Beim ersten Mal in China hat mein Lehrer noch gemeint 'du bist immer noch viel zu schnell, lass dir Zeit'. Inzwischen ist mein zweiter Spitzname (neben 馋鬼chánguǐ - so etwas zwischen Leckermaul und Vielfraß) 五百遍 wǔbǎi biàn... weil ich einmal so scherzend zu einem Mitschüler meinte, nach 10 mal hat man doch noch kein Gefühl für die Bewegung...lass es uns doch 50mal machen... oder 500 Mal ...und tags drauf tatsächlich ernst gemacht habe. Und mal ganz ehrlich... manchmal hab ich sogar Spaß an diesem 'stupid stuff' – dabei kann man ungemein gut abschalten ;)

Dafür habe ich allerdings dann auch den ganzen Tag gebraucht... Jetzt wisst ihr, warum es mit dem Blog manchmal ein wenig länger dauert ;) Was es schließlich mit dem chánguǐ auf sich hat, erzähl ich euch ein anderen Mal... Nun aber zurück zum Üben:

Was man in den 'äußeren' Kampfkünsten an Zeit für das Konditionstraining aufwendet, geht bei den inneren Kampfkünsten, die nicht so stark auf Ausdauer und Muskelkraft setzen, eben für das Üben und Verstehen der komplexen Bewegungsdynamik drauf. Im Prinzip könnte man 150 Jahre alt werden und trotzdem nicht fertig werden mit lernen, üben und trainieren. Für die Jugendlichen stehen wahrscheinlich stärker Aspekte wie Wettkampf, sich auspowern, 'was können' oder einfach nur Fitness und 'Spass' an der Sache im Vordergrund. Entsprechend wollen sie alle 'shaolin-kungfu' trainieren – auch wenn die wenigsten eine genaue Ahnung davon haben, was das eigentlich genau ist, oder dass es auch noch viele andere äußere Kampfkünste gibt. Ging mir ja früher nicht anders... Wenn man dann etwas älter und reifer wird, über den Tellerrand hinaus schauen und seinen Horizont erweitern will, keinen Bock mehr auf solche Hetzerei hat oder es einfach körperlich nicht mehr schafft – spätestens dann werden für den Ein- oder Anderen auch die 'inneren' Kampfkünste interessant. Mit zunehmenden Alter werden bekommen dann natürlich auch Aspekte wie Gesundheit, Wohlbefinden oder der soziale Kontakt mit Gleichgesinnten (statt Isolation allein zuhause) mehr Gewicht. Wenn ihr mal in einer größeren chinesischen Stadt seit, nutzt die Gelegenheit und geht einmal früh bei Zeiten in einen der öffentlichen Parks. Dann wisst ihr, was ich meine :)

In nicht wenigen Unterhaltungen gab es von der ein oder anderes Seite die Meinung, dass man sich doch lieber auf eine Sache beschränken solle, statt soviel 'durcheinander' zu trainieren. Es gibt aber auch die Ansicht von jenen, die mehr als nur eine Kampfkunst üben, oder ab einem gewissen Alter noch einmal mit einer 'inneren Kampfkunst' – wie z.B. dem Taijiquan, Baguazhang, Xingyiquan oder ähnlichen anfangen. Ich finde, einerseits soll man tatsächlich nicht 'durcheinander' trainieren, sondern die Dinge im Kopf klar voneinander trennen. Andererseits ergänzen sich 'innere' und 'äußere' Stile (auch wenn man diese wenn, dann nur tendenziell so kategorisieren kann und es noch eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten gibt) meiner Ansicht nach recht gut.

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei... Aber alles hat zwei Seiten – auch das Spiegelei :) Wir brauchen zwei Beine zum Laufen, es gibt Mann und Frau, ein- und ausatmen, Tag und Nacht, Schwarz und Weiß, Hartes und Weiches, Yin und Yang. Und wenn wir bei letzterem, als 'dem höchsten Prinzip' (und das heißt nicht Yin-Yang, sondern 'Taiji') bleiben, so ist das eine nicht vollständig, ohne das andere. Beide ergänzen sich gegenseitig – und in jedem Pol ist zugleich auch die Qualität des anderen enthalten. (Im Yin-Yang Symbol ist das z.B. der kleine Punkt in der Farbe des Gegenpols).

Ein gewisses Maß an Weichheit (Yin) ist notwendig, damit die äußeren Stile nicht aussehen, wie ein Roboter-Tanz oder uns schon nach einer Minute oder weniger die Luft ausgeht. Das Harte, oder das Yang bereichert die 'inneren' Stile um ihre oft explosive oder sehr 'dynamische' Komponente. Versuche mal einer, mit angezogener Handbremse aufs Gaspedal zu drücken...Schlechte Idee. Hohe Beschleunigung beim Auto setzt das Lösen der Handbremse genauso voraus, wie eine explosive Bewegungen eine geringe Muskelspannung kurz vor ihrer Ausführung.

Auch wenn Baguazhang genauso als (tendenziell) innere Kampfkunst bezeichnet werden könnte wie Taijiquan, habe ich doch durch das noch 'rundere' Baguazhang einige wichtige Impulse für das Taiji erhalten. Und selbst durch das üben von Yang-Taijiquan einerseits und des Chen-Stils andererseits, beginnt man nach einer gewissen Zeit viele Dinge plötzlich in einem ganz neuen Licht zu sehen, werden Sinn und Anwendung von Bewegungen deutlich.

Wenn der Schüler also das, was ihm der Lehrer da zeigt, nicht gleich kann oder versteht, heißt das nicht zwangsläufig, dass der Lehrer 'sch***e' ist, sondern möglicherweise hat er selber einfach nicht ausreichend geübt. Nicht selten ging mir mitten beim Üben – nachdem die ersten 100 bis 500 Mal schon hinter mir lagen - plötzlich ein Licht auf. Üben heißt ja nicht nur 1000 mal die exakt gleiche Bewegung – sondern aus die ein oder andere Variation davon, herum experimentieren mit Richtung, Winkel, Amplitude, Geschwindigkeit und Dynamik. Und bei irgend einer dieser 1000 Bewegungen fühlt sich eine dann eben besonders gut oder 'richtig' an – findet man plötzlich Parallelen zu ganz anderen Formen oder Übungen, oder erinnert sich an etwas, was einem der Lehrer mal vor langer langer Zeit gezeigt oder gesagt hat. Solche Aha-Erlebnisse finde ich immer unheimlich motivierend und eine schöne Belohnung, weil man es eben nicht einfach nur vorgesetzt bekommen hat, sondern sich das Ergebnis selbst mit (meistens viele Schweiß und) Mühe erarbeitet hat ;)

In diesem Sinne: look forward, keep going!

Web Analytics