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武术 - 功夫 Der Unterschied zwischen Kampfkunst und Kampfsport

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Kampfkunst oder Kampfsport – worin liegt der Unterschied?

Betrachtet man die Begriffe Kampfkunst und Kampfsport, so stellt man schnell fest, das beide etwas miteinander und mit Kampf zu tun haben müssen. Oftmals werden sie sogar synonym verwandt – allerdings für zwei völlig verschiedene Dinge. Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, eines davon für sich auszuprobieren, ist es also wichtig zu wissen, was einen erwartet. Das eine muss nicht unbedingt schlechter sein als das andere. Nur klar unterscheiden sollten man dabei können.

Ziel dieses Beitrages ist es, dem Leser genau dabei zu unterstützen. Am Ende haben Sie hoffentlich ein wenig mehr Klarheit darüber, dass Kampfkunst nicht gleich Kampfsport ist und was für Sie persönlich am besten passt. In diesem Sinne lade ich Sie herzlich ein, sich ein eigenes Bild von Kampfkunst und Kampfsport zu machen...

von Wikimedia - Kickboxing right hook landing von Wikimedia - Shi DeRu and Shi DeYang

Damit wir verstehen können, wo der Hauptunterschied zwischen Beidem liegt, wollen wir jeden der 3 Teilbegriffe – Kampf, Sport und Kunst - zuvor kurz isoliert betrachtet. Haben Sie jetzt nicht ganz so viel Geduld beim Lesen, dann springen Sie am besten gleich zum letzten Abschnitt. Sind Sie hingegen offen für ein paar 'Aha-Erlebnisse', dann machen Sie sich doch ein Tasse Kaffee oder Tee und schmökern ein wenig...

 

Der Kampf - nur ein Aspekt von Kampfkunst & Kampfsport

Begriffsverständnis

Laut Duden-Online versteht man unter Kampf eine „größere militärische Auseinandersetzung feindlicher Truppen“ aber auch „handgreiflich, auch mit Waffen geführte, heftige Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehreren […] Gegnern“. Auch die weniger schlagkräftige Kontroverse hinsichtlich verschiedener Auffassungen, Interessen und Zielen kann damit gemeint sein. Aber ebenso der sportliche Wettkampf und der 'innere Zwiespalt' als Begriff für den Kampf mit sich selbst. Auf diesen Aspekt werden wir weiter unten noch zu sprechen kommen.

Als Synonyme und bedeutungsverwandte Wörter werden hier z.B. die Kampfhandlung, Gefecht, Schlacht, Krieg, Waffengang – aber auch Auseinandersetzung, Konflikt, Handgemenge, Zusammenstoß oder 'Fight' genannt. Im Kontext dieser weiteren Bedeutungen finden wir auch Begriffe wie Bemühung, Anstrengung, Eifer, Streben, (persönlichen) Einsatz, ebenso wie einen (inneren) Spannungszustand und das 'Ringen' um etwas. Auf hier werden wir auf einige dieser Begriffe im Abschluss wieder zu sprechen kommen, denn sie sind sehr zutreffend.

Pankration - from WikicommonsHistorisches

Kämpfe gibt es bereits seit Anbeginn der Menschheit. Um Ressourcen, Ländereien und Territorien - später auch um so abstrakte Dinge wie Macht, Ruhm und Ehre. Aus dem einfachen Kämpfen Mann gegen Mann mit bloßen Händen oder primitiven Waffen entwickelten sich in einigen Teilen der Welt sehr ausdifferenzierte Kampfkünste mit wirkungsvollen Techniken für Angriff und Verteidigung. Parallel dazu bildete sich außerdem die Kriegskunst heraus. Hier wurden immer effektivere sehr detaillierte Taktiken zum Führen von Kämpfen bzw. Kriegen ersonnen. Ein sehr prominentes Beispiel - und nach wie vor einer der 'Klassiker' auf diesem Gebiet ist 'Die Kunst des Krieges' von Sūnzǐ (chin. 孫子 ).

Auf der anderen Seite entwickelten sich jedoch auch auch immer speziellere (nicht nur diplomatische) Methoden zur Vermeidung oder friedlichen Beilegung von Meinungsverschiedenheiten, sodass es erst gar nicht zum Kampf kam. Der Mensch wurde zunehmend zivilisierter. Auch im Taoismus gilt das Prinzip des 'Nichts-Kämpfens' (eigentlich 'Nicht-Handeln' – 无为 Wu Wei). Die Vermeidung von Aggression und Gewalt in finden wir auch in den fünf Tugenden (Wu De) wieder, die oft mit dem buddhistischen Shaolin-Kloster in Verbindung gebracht werden.

Was bereits von Sūnzǐ auf sehr hohem Niveau ausgearbeitet worden war, wurde Mitte des letzten Jahrhunderts während des kalten Krieges erneut aufgegriffen und intensiv weiterentwickelt: die psychologische Kriegsführung. Auch heute sind psychologische Methoden zur Beeinflussung des Gegners Bestandteil jeder umfassenden Militärischen Ausbildung. Eine eher alltägliche Variante der nicht-körperlichen Aggression ist in gewisser Hinsicht auch das Mobbing am Arbeitsplatz. Auch hier gibt es einen Aggressor und den denjenigen, der angegriffen wird und Mittel und Wege (Strategien, Coping) entwickeln muss, um damit fertig zu werden.

Für die Krieger-Kasten war der Kampf bzw. die Vorbereitung darauf Alltag und und diesem Sinne ein 'Lebensweg' – Beispiele dafür sind die Otomí und Cuachicqueh im aztekischen Heer, den Bubishi (Samurai) in Japan, die indischen Krieger-Kaste Kshatriya oder auch die europäischen Ritter. Mit dem Wegfall dieser Krieger-Kasten im Zuge der Umstrukturierung und Zivilisieren der verschiedenen Gesellschaften (Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Systeme) - aber auch bedingt durch die Entwicklung und Verbreitung von Schusswaffen verloren die traditionellen Kampfkünste bald stark an Bedeutung. Konflikte wurden entweder auf judikativer Ebene (vom Staat) gelöst, oder man bediente sich in bewaffneten Konflikten eben einfach der großen Reichweite von Schusswaffen, sodass die direkte körperliche Auseinandersetzung oftmals gar nicht mehr nötig war.

Die Kampf-Kunst muss sich neu erfinden

Shaolin-wushu Quelle  commons.wikimedia.orgEntwicklung von Kampfkunst-Schulen

Besonders in Japan wird die Kampf-und Kriegskunst (Bujitsu) ganz explizit nach und nach zur Kunst des Weges (Do » Budo) umdefiniert. Um Zuge dessen wurden die ersten Schulen und Stile von großen Meistern wie z.B. Jigoro Kano (Judo), Gichin Funakoshi (Karate-Do) und Morihei Ueshiba (Aikido) gegründet.

Budo wird heute verstanden als der Weg des Kriegers – jedoch ohne zu kämpfen und mit anderen Zielen und Inhalten als früher. Die traditionellen Tugenden sind jedoch die gleichen geblieben – sofern sie auch noch vermittelt werden. Denn in vielen Bereichen ist die Kampfkunst auch zum einfachen 'Kampfsport' degeneriert. So wurde in Japan z.B. auch bald das Training verschiedener Kampfkünste an Schulen und Universitäten eingeführt. Jedoch vorrangig mit dem Ziel der sportlichen Ertüchtigung. Auch beim Militär wurden und werden nach wie vor verschiedenste Verteidigungstechniken trainiert. Jedoch nicht selten losgelöst vom jeweiligen Stil/System und dem jeweiligen kulturellen und philosophischen Hintergrund. In der Volksrepublik China war das Studium und Training der Kampfkünste hingegen über lange Zeiträume hinweg verboten (z.B. im Zuge des Opium Krieges oder während der Kulturrevolution), sodass viele der alten Meister ihr Wissen buchstäblich mit uns Grab nahmen.

Kampfkunst und Kampfsport heute

In Japan, China, aber auch anderen (besonders asiatischen Ländern) gab es nun zwei Entwicklungstendenzen. Einerseits das Degenerieren der traditionellen Kampfkünste zu einfachen Kampf-Sportarten, deren Ziel eher im Wettkampf, dem körperlichen Training oder dem 'Dampf ablassen' lagen. Und zum anderen in der Neuausrichtung der Kampfkünste und der Betonung des Weg-Charakters aus Lebensinhalt und -aufgabe. So wurde aus Kenjutsu – der Kunst des Schwertziehens – KenDo, aus JujutsuJudo. Gleiches geschah mit Aikido , Iaido, Karate-Do und anderen. Dass es auch noch andere nicht-kriegerische 'Weges-Künste' gibt, darauf kommen wir noch zu sprechen.

In den Kampfsportarten beschränkte man sich nun vorwiegend auf das Training von Formen oder Techniken. Entweder weil die Meister diese Dinge nicht weiter vermittelten, oder aufgrund von Unverständnis und Desinteresse seitens der Schüler für die anderen Aspekte von Kampfkunst. Hinzu kam die Kommerzialisierung, die einem profunden Studium der Kampfkünste schon von Grund auf diametral entgegen steht. Hier geht es um schnellen Profit.

Vergessen sollte man beim Stichwort 'Kampf' übrigens auch nicht den weitestgehend verborgenen Kampf um Ressourcen (Wasser, Metalle, Siedlungsgebiete, Anbauflächen), wie er heute immer stärker geführt wird. Und auch die in unserer Leistungsgesellschaft sehr verbreitete Konkurrenz im 'Kampf um Arbeitsplätze' gehört dazu - selbst wenn die körperliche Dimension einer Auseinandersetzung dabei außen vor bleibt.

Kampf oder Wettkampf: Unterscheidung von ernst vs. sportlich

Mit Bezug auf die Kampfsportarten, die sich im letzten Jahrhundert heraus bildeten, lässt sich also zwischen einem vormals kriegerischen Kampf (mit dem Ziel den Gegner zu verletzen oder zu töten) und einem sportlich orientierten (Wett)Kampf unterscheiden. Für den spielerisch-sportlichen Wettkampf / Wettstreit wurden Regeln und damit ein fester Orientierungsrahmen geschaffen. Es geht um Fairness und gegenseitige Rücksichtnahme, was sich auch im Begriff 'Sportsgeist' wieder spiegelt.

In den Kampfkünsten hingegen gab es keine regelorientierte Kampfsituationen – es ging um Leben oder Tod und erlaubt war, was funktioniert. Auch Techniken zu Augen, Kehle, Schläfe, Genitalbereich und bestimmten Nervendruckpunkten. Daher war Kampfkunst früher auch nicht selten mit dem Studium der chinesischen Medizin (Akkupunkte, Median-Lehre etc.) verbunden. Im ersten Fall sind die beiden Parteien/ Gegner also 'Feinde' – im zweiten Fall bestenfalls (Trainings)Partner oder sogar Freunde.

 

Der Sport und seine Bedeutung für Kampfkunst & Kampfpsport

Woher der Begriff kommt

Die sprachliche Wurzel des Begriffes finden wir im Lateinischen deportare, was ursprünglich soviel wie 'fortbringen' – im übertragenem Sinne aber auch zerstreuen oder vergnügen bedeutete. Im 19. Jahrhundert wurde das Wort dann aus dem Altfranzösischen (se) de(s)porter = (sich) zerstreuen / (sich) vergnügen ins Englische entlehnt - (to) disport = Zerstreuung, Vergnügen, Zeitvertreib, Spiel - bevor er schließlich als einer der vielen Anglizismen mit SPORT ins Deutsche Eingang fand.

Historisches

Als Sport bezeichnete man ursprünglich (als Gegenpol zum Ernst der oft harten Erwerbstätigkeit) eher spielerische Tätigkeiten in der Freizeit - zum Spaß und zur Zerstreuung. Entsprechend entwickelten sich 'sportliche Aktivitäten' zuerst im Hofstaat (in Form von Jagd, Ritter-Turnieren u.ä.), wo man über die notwendige (Frei)Zeit verfügte, und keiner harten Arbeit nachgehen musste.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts setzte die Industrialisierung ein. Im Zuge dessen wanderten viele ehemalige Bauern in die Städte ab. Die Automatisierung und Mechanisierung der Arbeit verschaffte den Menschen dort zunehmend mehr Freizeit und veränderte außerdem auch die Art der Erwerbstätigkeit (nachlassende körperliche Anforderungen – Arbeit wurde ersetzt durch Maschinen). Daraus entwickelte sich in Europa allmählich das Konzept des modernen Sports für breite Teile der Bevölkerung, wie wir ihn heute verstehen. Zuvor war die körperliche Arbeit auf dem Felde schweißtreibend genug und füllte oft den ganzen Tag. Da war man froh, wenn man Abends seine Ruhe hatte.

Karate EM 2011 Quelle  commons.wikimedia.orgHeutiger Gebrauch

Laut Duden-Online läuft Sport immer nach bestimmten Regeln ab. Er wird aus der Freude an Bewegung und Spiel oder einfach mit dem Ziel der körperlichen Ertüchtigung ausgeübt. Im Gegensatz zur Erwerbsarbeit gilt er als Zeitvertreib und Hobby. Für den DOSB (Deutschen Olympischen Sportbund) steht in seiner Definition klar die 'motorische' (körperliche) Aktivität im Vordergrund. Jedoch findet man den Begriff auch in Kombinationen wie Reitsport, Schießsport, Radsport, Tanzsport, Angelsport, Tauchsport, Kraftsport, Motorsport und sogar Denksport (Schach) - hier liegt also ein komplett anderes Begriffsverständnis zugrunde. Umgangssprachlich wird Sport am häufigsten mit Begriffen wie Wettkampf und Leistungassoziiert. Synonym verwandt werden oftmals Bewegung, Fitnesstraining, Körperertüchtigung,Training u.a. Sport wird demnach gemacht, getrieben oder ausgeübt.

Begriffsverständnis

Beim Sport geht es also vorrangig um Bewegung, körperliche Aktivität und 'Ertüchtigung', im Training, (bei Kindern auch Spiel) und Wettkampf. Prominente Beispiele hierfür sind der 'Boxsport' - aber auch Judo, Taekwondo oder Ringen, welche allesamt sehr wettkampf-lastig geworden sind. Sport ist kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck – Spaß, Wettkampf oder Zeitvertreib stehen im Mittelpunkt. Sport kann man aber auch als 'Bewegungs-Kultur' verstehen – denn er entwickelt sich immer in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten (und wird darin ausgeübt), wie wir an den sehr unterschiedlichen Sportarten und Disziplinen einzelner Länder oder geografischer Regionen sehen können.

 

Der Aspekt der Kunst - ein wesentlicher Punkt, wenn es um Kampfkunst geht

Wortherkunft

Das Wort Kunst existiert bereits im mittel- und althochdeutschen und meint ursprünglich Wissen(schaft); auch: Fertigkit oder Meisterschaft – etwas, das man beherrscht. Die Redewendung „Kunst kommt von Können“ ist also aus etymologischer Perspektive betrachtet gar nicht so verkehrt.

mittelalterlicher Krieger - von Templermeister pixelioHeutiger Gebrauch

Auch im alltäglichen Gebrauch wird Kunst im Zusammenhang mit Können bzw. einer erworbenen Fertigkeit, Wissen (welches ja meist erst durch intensives Studium erworben wird), einem besonderen Geschick oder sogar Meisterschaft verwendet. Und tatsächlich ist es in China so, dass jeder Meister seines Fachs auch als solcher 'shifu' (Meister) angesprochen wird – sei es nun der Taxifahrer, der sich im Straßenverkehr bestens auskennt, der Techniker der die Heizung wieder repariert oder der Kampfkunst-Meister. Seinen Meister macht man ja auch in Deutschland noch in vielen Handwerksberufen.

Kunst wird außerdem als ein Produkt menschlicher Kultur und das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Kunst und Kultur werden deswegen auch fast immer zusammen gedacht. Und so ist auch die Kampfkunst ist fester Bestandteil der traditionellen chinesischen Kultur. Die 国学 (guo xue – 'Landes-Lehren') bezeichnen große und einmalige kulturelle Schätze, die das chinesische Reich im Laufe seiner Geschichte hervor gebracht hat. Dazu zählen neben der traditionellen Kampfkunst auch die Kalligraphie, chinesische Medizin, traditionelleOper, die Teezeremonie, die Kochkunst und noch einige mehr. Auch in Europa sind die verschiedenen Künste Teil der jeweiligen Kultur. So gibt es bei uns z.B. das Kunst-Handwerk, die darstellende Kunst, die angewandte Kunst (dieser Begriff passt ja eigentlich zur Kampfkunst wie die Faust aufs Auge), die bildenden Künste, Theater, Literatur, Tanz und Film... aber z.B. auch die Reitkunst, Fechtkunst oder Bewegungskunst, die alle eine gewisse (meist erlernte oder lange Zeit eingeübte) Fertigkeit voraus setzen.

Nicht selten steht bei Kampfkunst-Galas und Weffkämpfen nicht die Kunst des Kampfes (oder des Selbstverteidigung) sondern das Vorführen von eindrucksvollen Formen im Mittelpunkt. Besonders auch beim Taijiquan (Tai Chi) spielt neben dem Gesundheitsaspekt oft die Schönheit der Bewegungen eine Rolle für den ersten Taijikurs. Die Kampfkunst wird hier zur bloßen 'Bewegungskunst'. Meist sind die gezeigten Formen inhaltslos, die Techniken ergeben keinen Sinn oder werden nicht richtig verstanden.

Um im letzten Abschnitt genau zwischen den Begriffen Kampfkunst und Kampfsport unterscheiden zu können, an dieser Stelle noch etwas zum sprachlichen Gebrauch: der Begriff Kunst wird häufig in Verbindung mit folgenden Verben verwandt : sich für Kunst interessieren , ~ studieren, ~ lieben, ~ verstehen, sich (und vielleicht sein ganzes Leben) einer Kunst widmen. Ergänzen möchte ich hier noch das 'kultivieren'. Alle Hochkulturen hatten besonders viele und beeindruckende Artefakte im Bereich der Künste hervor gebracht. Auch Taijiquan (Tai Chi) würde ich diesem Verständnis nach z.B. nicht üben oder trainieren, sondern als Lebenskunst 'kultivieren' (wir erinnern uns: 'Taiji' verweist ursprünglich auf ein philosophisches Prinzip und nicht auf eine Bewegungskunst!) In dieser Form wird das Auseinandersetzen mit einer Kunst Einfluss auf das gesamte Leben bis hinein in den normalen Alltag haben.

Abschließend müssen wir nun die Frage klären, was Kampfkunst von Kampfsport unterscheidet – und was die ihr eigenen Qualitäten sind, die wir so beim Kampfsport nicht wieder finden können. Da ich kein Kampf-Sportler und folglich auch kein Spezialist auf dem Gebiet des Kampfsports bin, fällt dieser Teil zugunsten der Kampfkunst etwas kürzer aus. Aber um den besonderen Wert der letzteren geht es mir auch.

 

Greg Justin Quelle  commons.wikimedia.orgDer Kampfsport - für wen geeignet?

Beim Kampfsport steht die körperliche Aktivität im Vordergrund. Er wird aus Ausgleich zum bewegungsarmen Alltag, aus Freude an Bewegung und Leistung ausgeübt. Auch der Aspekt des Wettkampfes (und des Gewinnens) ist hier von Bedeutung; jedoch wird Kampfsport - bis auf wenige professionelle Ausnahmen – immer als 'Freizeitbeschäftigung' oder Hobby ausgeübt. Sicher sollte man den Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung durch regelmäßiges und diszipliniertes Training nicht ausklammern – jedoch ist dieser bei anderen Sportarten ebenfalls zu finden und sicherlich nicht das vorrangige Ziel, warum Kampfsport betrieben wird.

Fazit:

  • Wer den sportlichen Wettkampf mag,

  • einen körperlichen Ausgleichssport mit vielfältigen Aspekten von Ausdauer, Kraft, Koordination und Beweglichkeit sucht

  • wer etwas für seine Fitness tun möchte

  • oder mal richtig 'Dampf ablassen' will, ohne jemanden ernsthaft zu schaden

...der ist mein Kampfsport sicher gut aufgehoben.

 

Die Kampfkunst - ein Lebensweg

Den Begriff der Kampfkunst leitet sich ab vom lateinischen „Ars Martialis“ (wörtl. „die Kunst des Mars“ - des römischen Kriegsgottes). Auch andere europäische Sprachen haben diesen Begriff in abgewandelter Form übernommen - beispielsweise Martial Arts (engl.), Arts Martiaux (franz.), Arti Marziali (italienisch) oder Artes marciales (spanisch).

Der Aspekt der Kunst

Wenn wir von Kunst sprechen, denken wahrscheinlich die wenigsten an Bewegungskünste bzw. den körperlichen Aspekt. Es geht stärker um die intellektuelle Ebene – manchmal auch um Persönlichkeit, Charakter oder Spirituelles. Kunst ist oft weit mehr als Spaß und Freizeitbeschäftigung, wie es der Sport ist – so gibt es auch mehr berufsmäßige Künstler als Profisportler. Und ähnlich wie jede andere Kunst braucht auch Kampfkunst Passion, Geduld, Ausdauer und Hingabe .

Wir erinnern uns an weiter oben: Sport treibt man oder übt man aus – Kunst hingegen studiert man. Während dieses Studiums eignet man sich nicht nur entsprechendes Wissen an, sondern beginnt im Laufe der Anwendung auch zu verstehen. Ein Prozess in dem sich beide Aspekte wechselseitig bedingen und ergänzen. Oder anders: Learning by doing . Es gibt keinen Kampfkunst-Meister, der durch das Studium von Büchern zu dem geworden ist, was er ist. Eine Bewegung oder Technik kann man erst dann 'körperlich ' verstehen, wenn man sie zig-tausendmal geübt und sich auf diesem Wege mit ihr bewusst auseinander gesetzt hat. Ergänzt wird dieses Verständnis z.B. durch das Wissen aus Anatomie oder der chinesischen Medizin (Akkupunkte/ Nervenzentren/, Meridiane, etc.).

Und wie viele andere große Künstler widme(te)n auch die großen Meister ihr ganzes Leben der einen Kunst – und konnten erst dadurch ein solchen Verständnis und Können erreichen. Kampf-Kunst kann folglich mehr sein, als Sport, Training oder Selbstverteidigung – sie kann zum Lebensweg werden.

Meister Xiao Peng - Wudang SchwertMit dem Wegfall der Kriege-Kasten und dadurch entstandenen 'Identitätskrise' musste sich die Kampfkunst gezwungenermaßen neu ausrichten, um zu überleben (...oder sie nannte sich eben weiterhin Kampfkunst, aber degenerierte zum Kampfsport, weil ihr der größere Bezugsrahmen fehlte.) Aus der ars martialis (Kampf-oder Kriegskunst) wurde eine ars vivendi – eine Lebenskunst. Und zwar dann, wenn sie mehr ist, als ein gelegentlicher Zeitvertreib. Wenn sie nicht trainiert , sondern studiert wird. Wenn nicht nur der körperliche Aspekt sondern auch der gesamte kulturelle Hintergrund dabei berücksichtigt wird.

Ein solches Studium ist eine echte Lebensaufgabe – gewissermaßen 'von der Wiege bis zur Bahre '. Die absolute Meisterschaft wird man niemals erreichen können. Hier geht es tatsächlich eher ums Gehen - und darum, den Weg zu genießen, wie man es bei einem schönen Spaziergang auch tut. Mit guten Weg-Geführten ist das Ganze gleich nochmal so interessant und bereichernd...In China sind das die 'Kung-Fu Brüder ' – bei uns in Europa eben die Trainingspartner. Langjährige Gefährten, mit denen uns ebenso langjährige Freundschaften verbinden.

Eine solche Kampfkunst, die nicht primär des Kämpfen willens (aus)geübt, studiert, kultiviert – ja... aber auch trainiert - wird, kann einen großen Beitrag zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung und Reifung leisten. Vielleicht sogar Sinn-stiftend für das eigene Leben sein. Was ist der Sinn des Lebens? Der, dem man ihn gibt .

Der Aspekt des Kampfes: Selbstverteidigung statt Angriff oder Wettkampf

Ursprünglich waren die Kampfkünste dazu gedacht, sich auf reale Bedrohungen vorzubereiten und zu verteidigen. Währen im Heer der kriegerische Aspekt klar im Vordergrund stand, ging es in vielen Klöstern traditionell auch um körperliche Ertüchtigung als Ausgleich zur täglichen Meditation, um Charakterschulung und Persönlichkeitsentwicklung, oder die Verbesserung der Gesundheit durch regelmäßiges Üben.

Prinzipiell tendieren die äußeren (stärker körperlich orientierten) Kampfkünste eher in Richtung Kampfsport und Wettkampf, als vielleicht die inneren. Sie bieten hingegen einen riesigen Fundus anderer Aspekte, die weit über Bewegung oder Kampf (hier Selbstverteidigung) hinaus gehen. Auch wenn es nicht mehr um Kampf und auch nicht um Wettkampf geht, so kann die ernsthafte und intensive Auseinandersetzung mit dem Trainingspartner (Partner-Arbeit, praktische Anwendung erproben) sehr bereichernd sein und sollte neben allen noch so schönen Formen auch bei der Kampfkunst immer mit trainiert werden. In einem solchen Training geht es nicht um Gegeneinander sondern Miteinander, um gegenseitige Rücknichtnahme, Perspektiv-Übernahme durch Rollentausch und das Erfahren der Technik und des Unangenehmen in der Rolle des Angegriffenen. Das schafft Bewusstheit für die Situation des vermeintlichen 'Opfers, entwickelt Empathie und bestärkt das letzten Endes vielleicht auch das Nicht-Verletzen-Wollen. In diesem Sinne ist gerade die Partner-Arbeit unter einem pädagogisch erfahrenem Trainer auch gut für delinquente oder potentiell aggressive Jugendliche geeignet. Was die tatsächliche Ernst-Situation betrifft, sehe ich den Kampfsport hingegen in mancherlei Hinsicht im Vorteil. Diese ist hier nämlich oftmals allgegenwärtiger Trainingsinhalt.

Im Training hingegen ist der 'Gegner' der eigene (Trainings)Partner. Den wahren Gegner finden wir in uns selbst. Das beginnt beim inneren Schweinehund, den es manchmal zu überwinden gilt, um zum Training zu gehen – es geht um schlechte Persönliche Angewohnheiten, aber z.B. auch um Selbstbeherrschung. Statt gleich zuzuschlagen, weil man es vielleicht könnte, heißt es hier gerade nicht-kämpfen (wu wei). Ganz ähnliches finden wir auch in der chinesischen Medizin – im Gegensatz zum Westen geht es nicht primär ums behandeln einer Krankheit oder eines Problems (hier der Kampf), sondern um dessen Prävention. Vorbeugen lautet die Devise. Selbst wenn wir überlegen sind: wer den Kampf beginnt, hat in diesem Sinne schon verloren – in jedem Fall zumindest die Selbstbeherrschung. Wie in jedem anderen Kampf oder Konflikt sollten wir auch nicht vergessen: je länger man sich mit seinem Gegner beschäftigt oder auseinander, desto besser wird man ihn auch kennen bzw. verstehen. Das trifft im gleichen Maße auch auf sich selbst zu! Selbsterkenntnis durch Kampfkunst – ganz ohne den KANT zu lesen. Ist das nicht praktisch?

Der Aspekt der Gesundheit

Andreas Gran-Wudang quan Auch Aspekt der Gesunderhaltung ist beim umfassenden Studium aller Aspekte der traditionelle Kampfkunst von Belang. Kampfsporthat oft mit intensiver körperlicher Aktivität und Anstrengung zu tun – manchmal auch über das gesunde Maß hinaus. Nicht selten übt man einen Kampfsport einige Jahre aus – und gibt ihn dann verletztungsbedingt oder aus Gründen der zunehmend nachlassenden Leistungsfähigkeit - spätestens ab Mitte 30 - wieder auf... Oder man wechselt zu einer anderen weniger anstrengenden Sportart.

Kampfkunst hingegen kann man ein Leben lang ausüben. Besonders die weniger Kraft- und Ausdauer-orientierten inneren Kampfkünste sind dafür gut geeignet. Und so findet man nicht wenige Kampfkünstler oder Meister der äußeren Kampfkünste, die nach mehreren Jahren des Studiums und Trainings plötzlich beginnen, sich auch mit inneren Kampfkünsten wie Taijiquan, Baguazhang, XingYi und anderen zu beschäftigen. Diese bieten ein sanftes aber ganzheitliches Training aller motorischen Aspekte (Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination, Gleichgewicht, Schnelligkeit...) und führen dazu, dass man auch im hohen und höchsten Erwachsenenalter noch ungewöhnlich fit und leistungsfähig ist. Meist nicht nur körperlich, sondern auch geistig.

Back to the roots - die Rückkehr zum Ursprung...

Besonders nach der politischen Öffnung Chinas fanden die Kampfkünste in den 70ern und 80ern auch in anderen Regionen und Kulturkreisen zunehmend Verbreitung. Leider oft verkürzt, einseitig und ohne richtiges Verständnis fürs Ganze. Nicht selten kommen die Übenden aber auch erst über den Kampfsport zur Kampfkunst. Der körperliche Aspekt ist eben der am direktesten zugängliche von allen – und um körperliches Training geht es vielen (neben dem Aspekt der Selbstverteidigung) zu Beginn auch. Deshalb haben die 'äußeren' Stile – wovon das Shaolin Kung-Fu sicher das bekannteste ist – auch eine höhere Zahl von Neueinsteigern als die 'inneren Kampfkünste'. Bei ersteren liegt der Fokus mehr auf dem intensiven körperlichen Training. Mit den Jahren dringt man dann aber vielleicht auch zu weniger körperlichen Aspekten vor - das bloße Training von leeren Formen, die andauernde Schinderei oder der Wettkampf allein bieten irgendwann keinen ausreichenden Anreiz mehr, um das kontinuierliche wöchentliche oder tägliche Training fortzusetzen... Da muss es doch noch etwas Anderes geben...

Dann beginnt die Suche nach einem Orientierungsrahmen. Krieg, Angriff und Verteidigung sind für das Studium der Kampfkunst inzwischen hinfällig geworden und können als solcher nicht mehr herhalten. Dafür jedoch die 'kulturell' begründete Basis; der philosophische und spirituelle Hintergrund (Buddhismus und Taoismus z.B.).

Kampfkunst für den Krieg – wird zur Kampfkunst als Weg

Chado - der Weg des TeesIm Gegensatz zu China finden wir in der japanischen Sprache eine explizitere Differenzierung zwischen der ursprünglichen Kampfkunst und der Kampfkunst als Weg: Jutsu lässt sich grob mit Technik oder Fähigkeit übersetzen – und Do steht hier für den Weg (chin. Dao – das Zeichen ist übrigens das gleiche.) Entsprechend wird zwischen Kenjutsu (Schwertkunst) und Kendo (Schwert- und Stockfechten), zwischen Jujutsu und Judo unterschieden. Aber auch andere - ehemals kämpferische - und nicht kämpferische Künste zählen hierzu. So z.B. das Iaido (Kunst des Schwertziehens), Kyudo (Kunst des Bogenschießens) oder Aikido – genauso wie d ie Teezeremonie (jap. Chado , chin. Chadao), die Kunst des Blumensteckens (jap. Kado ), die Kaligraphie (jap. Shodo , chin. Shufa) und weitere.

Dafür finden wir in China mit dem Begriff des Kung Fu (chin. 功夫 Gongfu) einen ähnlichen – bereits seit langem bestehenden Sinnträger. Im Westen wird der Begriff des gonfu oft ohne das volle Verständnis seiner Bedeutung verwandt. Kung Fu oder gongfu bedeutet eben nicht Kampfkunst – und auch nichtKampfsport. Gongfu wird im Chinesischen auf jede Form des intensiven Tuns, Bemühens, harter Arbeit usw. bezogen. Man kann 'viel Kung Fu in eine Sache stecken' und sich damit abmühen oder nach ausreichend Studium, Übung oder aufgrund von im Laufe der Jahre gesammelter Erfahrung eben darüber verfügen.

In diesem Sinne hat der Koch als Meister seines Fachs dann ein gutes 'Messer-Kung Fu' – ein jeder Meister seines Handwerks besitzt es... und letztendlich auch der Kampfkunst-Meister. Ja, auch das oft erwähnte Shaolin Kung Fu oder besser shaolin gongfu gehört dazu. Dieser Begriff bezieht sich aber eigentlich nicht auf die Kampfkunst, die um Kloster trainiert wurde, sondern auf das tagtägliche harte Grundlagentraining, die körperliche Konditionierung und Selbstdisziplinierung. Das ist gongfu. Auf den Begriff des Wushu (武术 ) und seinen Bezug zum Kung Fu möchte ich in einem anderen Artikel noch einmal zu sprechen kommen.

Um in den Kampfkünsten ein hohes Niveau zu erreichen, muss man tatsächlich über den Aspekt des Sports, Hobbys und Zeitvertreibs hinaus gehen – darin aufgehen, Kampfkunst leben und sie als Lebensweg mit all ihren philosophischen und spirituellen Wurzeln erforschen, studieren und darin wachsen. Ein solches Studium dauert am Ende nicht nur einige Jahre sondern ein Leben lang, denn sie sind so unglaublich viel komplexer als jedes Handwerk.

Um diesen Weg zu gehen, muss man kein Mönch werden und sein Leben komplett auf den Kopf stellen – denn es geht nicht um große Schritte sondern um Kontinuität. Auch mit kleinen Schritten kann dieser Weg das eigene Leben sehr bereichern.

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