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Jun
22

Chansigong - eine wesentliche Grundlage der Taichi-Übungspraxis

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Chansijing3 SmallTaijiquan zu üben - das beschränkt sich nicht nur auf das bloße Ablaufen von Formen. Einer der grundlegendensten Aspekte der Übungspraxis im Taichi (gerade zu Beginn) ist das so genannte Chansigong (缠丝功 chán sī gōng). Übersetzt wird dieser Begriff häufig auch mit 'Seidenfaden- oder Spiralübungen' - im englischen Sprachraum entsprechend mit 'silk-reeling'

Heute wollen wir uns also einmal mit einer sehr einfachen Chansigong beschäftigen und sie gemeinsam ausprobieren. Sie heißt: Der schwimmende Drache (游龙缠丝 – yóu lóng chán sī)

Die Übungen des Chansigong bilden eine wesentliche Grundlage der Taichi-Übungspraxis – besonders im Chen- und Wu Stil. Man entdeckt die spiralige Bewegungsqualität des Chansigong jedoch auch in den meisten 'inneren' Kampfkunst-Stilen des Wudang-Gebirges (besonders im Baguazhang und im Miquan).

Auch wenn der Begriff des Chansigong schwerlich 1:1 in eine andere Sprache übertragen werden kann, lässt sich das dahinter stehende gedankliche Konzept doch einigermaßen gut mit sinnverwandten Begriffen umschreiben – und manchmal ist das Englische da dem Deutschen sogar etwas voraus...

 

  • 缠 ( chán)  bedeutet dabei soviel wie to wind, to wrap, oder to coil
  • 丝 ( sī) ist hier das vereinfachte Zeichen für Seide (絲綢)
  • 功 (gōng) schließlich steht für die Übungspraxis als solche –
    übrigens das gleiche gōng, wie in gōngfu ('Kung Fu')

Neben dem bekannteren Chánsīgōng (纏絲功) gibt es noch einen weiteren komplementären Begriff:  den, des Chánsījīng (纏絲精). Ersterer bezieht sich mehr auf die äußerliche Bewegung und die dadurch entstehende, resultierende Spiralkraft (Li = Kraft). Das Konzept des Chánsījīng hingegen ist mehr mit der innewohnenden Energie assoziiert, die durch das kontinuierliche Üben von Chansigong und Form entsteht und wenig mit roher Muskelkraft zu tun hat.
Seinen Namen hat das Chansigong nicht von ungefähr... So, wie sich eine Seidenraupe durch ihre verwindenden, spiralförmigen Bewegungen selbst in ihrem Cocon einspinnt... oder so ähnlich, wie man den Seidenfaden per Hand dann wieder vom Cocon abzieht, um ihn für seine spätere Verwendung aufzuwickeln – genau solche Bewegungsqualitäten sollten auch den einzelnen Übungen innewohnen:

  • langsam
  • sanft
  • gleichmäßig
  • rund
  • spiralig
  • ununterbrochen
  • ohne abrupte Richtungsänderung

Wird einer dieser Aspekte beim Abziehen des Seiden-Cocons nicht beachtet, reißt der Seidenfaden möglicherweise, oder fängt an zu verkleben. Das war die ganze Arbeit umsonst und man muss wieder von Neuem beginnen. Was die Übungen des Chansigong also ausmacht, ist eine Folge von gleichmäßig langsamen, sich wiederholender, runden und spiralförmigen Bewegungen, die scheinbar ohne Anfang oder Ende ineinander übergehen und auf diese Weise eine Art Endlosschleife bilden.
 


Im Chansigong werden also einzelne Taichi Prinzipien isoliert geübt, um mit einer reduzierten Komplexität und dem Fokus auf nur einen, oder zwei Aspekte ein besseres Verständnis der Grundprinzipien des Taichi zu erhalten. Der Satz "Tausend Formen ein Prinzip" bringt es auf den Punkt: alle Bewegungen im Taichi gehen auf ein Prinzip zurück - und genau dieses Prinzip steckt natürlich auch in allen Seidenübungen, wo wir es einfach leichter erkennen können.

Es gibt keinerlei Vorgaben, wie häufig eine solche 'Bewegungsschleife' durchlaufen werden soll – bestenfalls vergisst du das Zählen (und die Zeit) einfach einmal... um ganz einzutauchen in den Fluss der Bewegung – und eins zu werden mit ihm und dem eigenen Atem.

Mithilfe der einfachen, repetetiven Bewegungsabläufe werden die wichtigsten Prinzipien des Taichi schrittweise verinnerlicht und gleichzeitig der eigene Körper auf sanfte Art und Weise trainiert. Chansigong kann sowohl allein geübt werden, aber auch zusammen mit dem Partner – der Übergang zum Tuishou (Pushhands) ist hier relativ fließend.

Absolut grundlegend sind auch die sechs 'Bewegungsrichtungen', die sich innerhalb der einzelnen Übungen des Chansigong wiederfinden lassen:
 

  • innen und außen

  • oben und unten

  • vor und zurück


Der Ursprung jeder Bewegung liegt dabei 'idealerweise' immer im Dantian, einem imaginären Zentrum im Unterbauch. Von diesem Zentrum aus werden alle anderen Gelenke sowie die Wirbelsäule automatisch mit bewegt... Gut erkennbar ist das z.B. an den Knien, wenn das Zentrum die Hüfte dreht und diese wiederum die Achse und (Innen- oder Außen-) Rotation der Knie beeinflusst. Was es genau mit dem Bewegung des Dantian auf sich hat, das wollen wir uns in einem weiteren Artikel zum Thema Chansigong im Detail anschauen.

 

Wirkungen regelmäßiger Übungspraxis

Manchmal liegt die Würze in der Kürze - für alle Artikel-Überflieger haben wir das Wichtigste zu diesem Aspekt deswegen in wenigen Punkten (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) zusammen gefallst :)
 

  • Während des Übens von Chansigong harmonisieren sich Atmung und Bewegung – die Atmung wird tief und regelmäßig, was zu einer gesteigerten Sauerstoffaufnahme führt.

  • Kreislauf und Stoffwechsel werden auf sanfte Art und Weise angeregt – nicht selten kann es nach längerem Üben zu einem gesteigerten Appetit kommen

  • die regelmäßige Übungspraxis verbessert außerdem die globale Koordination des Körpers (alle Teile arbeiten als Eines zusammen und miteinander), sowie die Sensibilität und Wahrnehmung einzelner Körperbereiche

  • kräftigt besonders die Beine – die Standhöhe lässt sich individuell adaptieren

  • trainiert die sogenannte 'Körper-Kernmuskulatur' (Beckenboden, schräge Bauchmuskulatur, autochtone/tiefe Rückenmuskulatur, Zwischenrippenmuskeln, Zwerchfell u.a.) - also im Prinzip alles, was dem Körperstamm ohne dessen Extremitäten bewegt, verbindet und zusammenhält

  • Sehnen, Bänder und Faszien werden auf sanfte und stetige Art und Weise bewegt, massiert und gekräftigt

  • man lernt, nach innen hin zu lauschen – mit fortschreitender Übungspraxis erfährt man ganz von selbst, wie sich Qi anfühlt und manifestiert. Hat man eine bessere Vorstellung von der Art und Qualität dieses Phänomens erworben, bietet der feste Rahmen dieser einfachen, sich wiederholenden Bewegungen einen optimalen Rahmen, das bewusste Führen und Lenken des eigenen Qi zu üben.

  • Die Richtung und Qualität des Qi-Flusses hat wiederum großen Einfluss auf die 18 wesentlichen Gelenke und Bewegungszentren unseres Körpers. Dazu werden traditionell die folgenden Bereiche gezählt:

    Die beiden Schultern, Ellenbogen und Handgelenke, die zwei Hüftgelenke, die Knie und die Füße, der Brustbereich/ Brustbein, die Rippen/ Brustkorb, die Taille, der Bauch, sowie die Nierengegend/ Mingmen

  • Sobald man erst einmal mit dem Bewegungsablauf und den wichtigsten Aspekten (sowie deren Grundprinzip) einer der vielen Chansigong-Übungen vertraut ist, lasst sich durch den kontinuierlichen Bewegungsfluss in Harmonie mit der eigenen Atmung und dem begleitenden Wandern des Aufmerksamkeitsfokus eine Art meditativer Zustand erreichen – ähnlich wie er in der Psychologie als 'state of flow' bezeichnet wird. Er ist sehr eng verbunden mit dem Rujing, welches eine unmittelbare Voraussetzung hierfür darstellt.
     

Noch ein paar Gedanken für den Einstieg

Bevor du mit dem Chansigong (odar auch einer Taichi-Form) beginnst, solltest du Körper und Geist entsprechend vorbereiten. Nachdem du einige Übungen zur Aufwärmung des gesamten Bewegungsapparates, zur Dehnung und Lockerung von Muskeln, Sehnen und Bändern, zur Mobilisierung der Gelenke und besonders auch der Wirbelsäule gemacht hast, versuche einige Minuten lang die Wuji-Grundhaltung einzunehmen und deine Aufmerksamkeit mehr nach innen hin in den Unterbauch zu richten.

Wenn du mit einer Form beginnst, öffnen sich deine Füße etwa schulterbreit – beim Chansigong hingegen kannst du auch einen breiteren und stabileren Stand einnehmen. Alle weiteren Aspekte sind aber grundsätzlich sehr ähnlich...

  • Dein Gleichgewicht sollte zu Anfang gleichmäßig auf beide Füße verteilt sein

  • Der Körper ist an der Mittelachse ausgerichtet (links-rechts / vorn-hinten) und im Lot

  • BaiHui, Ohren, Schultern, Hüften (Dantian) und Mitte der Fußsohlen (Yongquan) bilden von der Seite betrachtet eine Linie – und von vorn betrachtet liegen Scheitelpunkt, Brustbein und Bauchnabel auf einer Linie; Schultergültel und Beckengürtel bilden zwei parallele, horizontale Ebenen.

  • Den Körperschwerpunkt 'innerlich' absenken – es sollte ein Gefühl von 'rooting' (Verwurzelung) entstehen, ohne dass deine Knie zu weit eingebeugt werden

  • Eine detaillierte Beschreibung der wichtigsten Aspekte einer korrekten Haltung findest du im Artikel Die Grundhaltung im Qigong und Taichi.

  • Abschließend solltest du dich nun auch mental auf das Üben einstellen und innerlich still werden. Worauf es dabei zu achten gilt, kannst du auch hier noch einmal nachlesen: Rujing - Eintauchen in die Stille.
     

    und dann beginnt die Bewegung

 

Um die Übungen leichter zu erlernen, sind diese oftmals in zwei, drei oder vier Teilschritte untergliedert. Für Anfänger kann es sehr sinnvoll sein, jeden der einzelnen Bewegungsphasen durch ein kurzes Pausieren des Bewegungsflusses voneinander zu trennen, und immer wieder die folgenden Punkte zu überprüfen:

  • die Handposition

  • die Ausrichtung des Körpers

  • die Gewichtung / Verlagerung des Körperschwerpunktes

  • welche Phase der Bewegung mit welcher Phase der Atmung korreliert
     

Im Taichi und einigen anderen Kampfkünsten gibt es sogar die so genannte single-posture-practice, wo es – entgegengesetzt zum Verschleifen der Übergänge zwischen den einzelnen Bewegungen – darum geht, überhaupt erst einmal die korrekte Körperstruktur und Ausrichtung aller Teile herzustellen (Also ein Art 'korrektes Standbild' zu erzeugen). Die Form selbst wird also super-super-suuuuuper-langsam gelaufen und immer wieder angehalten, um die Ausrichtung aller Körperteile zueinander zu überprüfen. Einige wenige Millimeter oder Sekundenbruchteile später kann bereits eine neue 'posture' entstehen – ganz ähnlich wie bei den alten Filmkameras (Lochkameras), bei denen man noch die einzelnen Bilder des ganzen Films erkennen konnte, wenn dieser nur langsam genug abgespielt wurde... und sie langsam lebendig wurden, wenn die Geschwindigkeit des Abspielens nur ausreichend hoch war.


Nachdem du vertrauter geworden bist mit dieser Art der Bewegung, solltest du schrittweise versuchen, die einzelnen Phasen ineinander übergehen und zu einer Einheit werden zu lassen. Ich benutze hier gern auch die Metapher 'die Fugen zwischen den einzelnen Fliesen zu verschleifen' bzw. nun nicht mehr die einzelnen Puzzle-Teile für sich zu betrachten, sondern das Bild als Ganzes zu sehen. Dies gilt sowohl für den Fluss der Phasen im Chansigong, als auch für die Bewegungen innerhalb der Form. Zum Vertiefen deiner eigenen Übungspraxis kannst du dein Augenmerk später auf die folgenden Punkte richten:
 

  • deine Haltung sollte mühelos, gut ausbalanciert und frei von überflüssiger Spannung sein

  • alle deine Gelenke sollten leicht gebeugt sein, um den Bewegungsfluss an keiner Stelle zu blockieren – die Muskelspannung ist auf ein notwendiges Maß reduziert

  • Kopf, Schultern und Hüften (also im Prinzip der gesamte Körper) sollten sich während des Übens immer auf der gleichen Höhe befinden – dabei kannst du je nach Konstitution und Trainingsziel (Kräftigung der Beine) selbst entscheiden, wie tief du die horizontale Ebene setzt, auf der sich das Becken bewegt

  • lass jede Bewegung rund und gleichmäßig werden – vielleicht hilft es dir dabei, kleine Sandsäckchen oder etwas Ähnliches auf Kopf oder Schultern zu balancieren. So wirst du automatisch darauf achten, dass keine Bewegung zu schnell oder ruckartig erfolgt.


Möchtest du noch ein wenig weiter in die Tiefe gehen, dann ist vielleicht dieser Artikel hier das Richtige für dich: Chansigong und die Bewegung des Dantian.


 

Wir hoffen, dieser Artikel war etwas hilfreich für dich :)

Hast du noch Fragen zum Thema, so nimm gern einfach Kontakt mit uns auf.

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