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Mai
02

Aufmerksamkeitsfokus & Rujing

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In vielen asiatischen Übungs-Systemen (sei es nun Yoga, Qigong, Taichi, oder andere) steht am Beginn der Übungspraxis immer die mentale Vorbereitung auf das, was kommt. Das ist auch in anderen Lebensbereichen so, wenn es darum geht, den gesamten Fokus auf eine einzige Sache zu richten. Im Leistungssport bereiten sich die Athleten sogar schon lang im Voraus - auch mental - auf einen Wettkampf oder den Tag ihrer Höchstleistung vor. Und auch Meister der Kalligraphie oder Teezeremonie meditieren z.B. bevor sie den ersten Pinselstrich setzen oder sich ganz der Zubereitung des Tees widmen.

Monk Meditation 2b

Damit verbunden ist das bewusste Umschalten des Alltagsbewusstseins – weg vom Autopilot-Modus und hin zu einem Zustand der inneren Achtsamkeit. Das gedankliche Hamsterrad, in dem die Gedanken sonst immer wieder um die gleichen Dinge des Alltags kreisen, an vergangenen Ereignissen anhaften, oder bereits in die Zukunft voraus eilen wollen, verlassen wir an dieser Stelle für einen kurzen Moment. Der Fokus unserer Aufmerksamkeit und Wahrnehmung verändert sich dabei – wir ziehen ihn ab vom Außen, der Vergangenheit oder Spekulationen über zukünftige Ereignisse und richten ihn ganz bewusst auf das Hier und Jetzt; auf die unmittelbare Umgebung und den 'inneren Kosmos': auf die Wahrnehmung unseres Körpers, unserer Gefühle und Emotionen... unserer Gedanken. Wir sind dabei aber erst einmal nicht mehr als ein Forschender, der nur wahrnimmt, beobachtet, eine Art 'innere Bestandsaufnahme' betreibt – Ohne zu verändern oder zu bewerten.

 

 

Diesen Zustand nennt man in den chinesischen Künsten (sei es Meditation, Qigong, Taichi, oder die inneren Kampfkünste)  RUJING.  Die erste Silbe RU 入 stammt vom chinesischen JinRu 进入 und bedeutet soviel wie eintreten, in etwas hinein gehen, Teil von etwas werden . Die zweite Silbe JING 静 entstammt dem Begriff ANJING 安静 und lässt sich am besten mit ruhig, still, leise oder friedlich übersetzen. Der Begriff Rujing vereint also die beiden Bedeutungen von 'Eintauchen' und 'Stille' zu dem, als was man ihn auch verstehen kann:  innerlich still zu werden.

 

Rujing – 'Eintauchen in die Stille' ... in 8 einfachen Schritten

  • Zeit-Insel schaffen - Nimm dir genügend Zeit zum Üben und lass' dir auch zum Ende hin ausreichend Puffer

  • 'Mute, what you can' - Versuche Ablenkungen zu minimieren und eine möglichst reizarme Umgebung zu schaffen

  • Dem gedanklichen Hamsterrad ein Pause verordnen - Wenn es dir hilft, schreibe alle Gedanken und Dinge auf, die dich gerade beschäftigen und 'parke' sie für die Zeit des Übens auf dem Papier, als eine Art gedankliches Abstellgleis.

  • Bewusst umschalten - lenke deine Achtsamkeit auf das Hier und Jetzt; als eine ganz bewusste Entscheidung

  • Aufmerksamkeits-Scheinwerfer nach innen richten - lass die Dinge des 'Außen' bewusst hinter dir und richte deine Wahrnehmung mehr nach Innen – z.B. auf das ständige Kommen und Gehen deines Atems, ähnlich wie die Wellen einer sanften Brandung am Meer

  • kurze 'Bestandsaufnahme' - Was nimmst du wahr, auf der körperlichen, emotionalen und mentalen Ebene?

  • Beobachten, zulassen – nichts bewerten oder verändern wollen - Nimm die Dinge an, wie sie gerade sind... und lege sie dann beiseite. Lass ihre Bedeutung für diesen einen Augenblick in den Hintergrund treten. Besonders deine Gedanken sollten zu einer Art leisen Hintergrundrauschen werden.

  • Die Tür aufmachen - jetzt stelle dich gedanklich langsam auf deine Übung(spraxis) ein – nachdem du bei dir angekommen bist und deine 'innere Haustür' für die nächsten Minuten gedanklich abgeschlossen und den Schlüssel in deiner Hosentasche aufbewahrt hast, kannst du nun - ganz bewusst - eine andere Tür öffnen. Die Tür, die dich in deine Übungpraxis hinein führt.
     

Alltagsbewusstsein

Innere Achtsamkeit

  • Das Alltagsbewusstsein ist gekennzeichnet durch...

  • schnelles Erfassen von Informationen und Sinneseindrücken

  • unsere mentalen Ressourcen bzw. geistiger Fokus/ Aufmerksamkeit werden oft auf viele Dinge gleichzeitig aufgeteilt

  • simultane, also parallele Verarbeitung

  • oberflächlich; geringe Verarbeitungstiefe und Wahrnehmungstiefe ('nur das Wichtigste')

  • nach Außen gerichtet, um ausreichend Informationen für die Interaktion mit der
    Umwelt zu erhalten

  • in Kontakt treten mit sich selbst

  • Wie geht's mir innerlich?

  • Umschalten auf Selbstwahrnehmung und ein genaues, differenziertes Wahrnehmen-Können von...

  • Körperempfindungen

  • Gefühlen, Stimmungen, Emotionen und Affekten

  • Gedanken

  • passiver, rezeptiver Zustand (Lauschen + Spüren) nichts bewerten oder verändern...

    Oft werden wir uns dann des Automatismus bewusst: 'es denkt mich' - bzw. 'ich werde gedacht' - es entstehen Gedanken in meinem Kopf, ohne dass ich das überhaupt bewusst tue oder gar beeinflussen kann

 

Eine bildliche Metapher für Rujing...

Vielleicht hilft dir die folgende bildliche Vorstellung etwas dabei, dich in die Art und Qualität des Rujing besser hinein versetzen zu können.

Stell dir vor es ist ein Nachmittag im Spätsommer, Ende August. Du willst die letzten schönen Tage des Jahres genießen und hast beschlossen Baden zu gehen.

Um dich herum geht es lebhaft zu. Menschen unterhalten sich, Kinder lachen, von nebenan hörst du die Geräusche des Volleyball-Feldes herüber dringen, die Blätter rauschen in einer sanften Brise, die Sonne scheint warm, nur unterbrochen von ein ein paar kleinen Schäfchenwolken, die sich ab und an davor schieben. Langsam watest du in den flachen See hinein, der vor dir liegt – das Wasser ist angenehm, seine Oberfläche fast glatt und bewegungslos. Du steht inzwischen bis zu den Schultern im Wasser, holst noch einmal Luft... und tauchst langsam unter.

Die anfänglichen, so lebhaften Geräusche nimmst du plötzlich nur noch sehr gedämpft war – du siehst die Sonnenstrahlen durch die Wasseroberfläche nach unten scheinen und ein weiches Licht auf den klaren Grund zeichnen. Vielleicht befindest du dich mit deiner Vorstellung auch bereits im Ozean... Eine kleine Gruppe von Fischen zieht langsam einige Meter vor dir vorbei. Die wenigen Algenpflanzen am Boden bewegen sich sanft und folgen der leichten Bewegung des Wassers. Die Zeit scheint hier irgendwie langsamer zu vergehen – es ist wie ein anderes Universum mit eigenen Gesetzen, in dem du dich hier befindest.

Unterwasser Underwater

Du genießt eine Weile diese faszinierende Welt – die so gänzlich unbeeindruckt von dir oder dem Leben 'da oben' und 'da Draußen' – einfach nur da ist... ohne nach dem Grund zu fragen oder ein Ziel zu haben... Sie ist einfach nur da.
 

Stille …
 

Wie jeder Perlentaucher musst aber auch du irgendwann wieder nach oben kommen, um Luft zu holen. So tauchst du langsam wieder auf – nicht zu schnell – und kommst zurück in 'deine' Welt mit 'ihren' Gesetzen, ihrer Zeit, den vertrauten Geräuschen, Farben, Gerüchen. Doch auch Stunden später bleibst dir diese so andere Welt mit ihrer Langsamkeit noch in Erinnerung – hilft dir dabei, schon durch die bloße Vorstellung daran ein wenig heraus zu treten aus dem ständigen Brummen und Rauschen des Alltags. Die Erfahrung des Abtauchens wird für dich mehr und mehr wie ein Anker sein, der dich auch in stürmischen Zeiten sicher am Boden hält. Sie wird dir helfen, selber zum Auge des Sturms zu werden – in sich zu ruhen, während sich alles andere um dich herum dreht...

 … und jetzt? Alltagstransfer
 

Achtsamkeit – Leben im Moment:

Ein von mir sehr geschätzter Lehrer sagte einmal sinngemäß:

„Ich habe oftmals das Gefühl, dass meine Schüler im Alltag mehr Qigong oder Taichi machen, als hier um Unterricht, wenn sie zu mir kommen.“


Diese Art von (innerer – und äußerer) Achtsamkeit kannst du bei fast allen Tätigkeiten im Alltag kultivieren. Beim Bügeln, Abwaschen, Gehen, Staubsaugen, Wäsche zusammen legen, Zähne putzen, Atmen, Essen. Tu es langsam, tu es bewusst … und vor allem: tu nichts anderes nebenbei.

Es ist ja nicht so, dass wir die restlichen 23 Stunden des Tages, an denen wir nicht üben, ein komplett anderer Mensch wären - mit anderen Problemen und Bedürfnissen. Mit anderer 'Hard- und Software'. Wir sind immer noch der oder die Selbe.

Es geht also vielmehr darum, diese Einstellung und Geisteshaltung, diese Gewohnheit, diesen 'state of mind' mit in unseren Alltag zu nehmen. Und zu versuchen, diesen immer wieder ganz bewusst einfließen zu lassen in die großen und kleinen Dinge des Alltages. Mehr im Moment zu leben und dadurch den Augenblick und uns selbst mit einer ganz neuen Qualität und Tiefe zu erfahren. Denn aus was besteht das Leben, wenn nicht aus vielen Augenblicken? Wenn wir jeden von ihnen nur zu einem kleinen Teil leben, dann haben wir am Ende einen großen Teil unseres Lebens ungenutzt verstreichen lassen.

Versuche doch einmal, dir jeden Tag für eine zufällige Uhrzeit eine Erinnerung (per Wecker auf dem Telefon, Reminder in deinem Google-Kalender, oder mit einer der vielen Achtsamkeits-Apps) einzurichten - und diesen einen Moment, in dem du dich dann gerade befindest, bewusst wahrzunehmen … und das, was du gerade tust, auch einmal wirklich bewusst zu tun.

Oder du entscheidest dich dafür, ganz bestimmte Dinge oder Routinen im Alltag mit dieser Art von 'mindfullness' und Achtsamkeit zu tun: z.B. slow-food statt 'Nahrungsaufnahme to-go' in Rekordzeit: Das heißt z.B., das was du da vor dir auf dem Teller oder in der Hand hast, auch wirklich zu essen, statt es innerhalb weniger Minuten förmlich zu inhalieren, um sich dann schnell wieder mit den vermeintlich wichtigen Dingen das Alltags zu beschäftigen. Wie wäre es, wenn du deine nächste Mahlzeit einmal ganz allein genießt? Die verschiedenen geschmacklichen Nuancen wahrnimmst - die einzelnen Gewürze und Zutaten errätst – die Konsistenz aller Bestandteile wahrnimmst, den Geruch, die Farben aller Komponenten.

Nimm dir doch einmal 20 Minuten Zeit für dich, und einmal ganz allein fernab des hektischen Treibens im Park spazieren zu gehen, ohne Termine und Aufgaben, die gleich im Anschluss auf dich warten. Wann hast du sowas das letzte Mal gemacht? Nimm dir dafür einen ausreichend großen Zeitpuffer, um dich im Anschluss nicht gleich wieder zurück in das alltägliche Hamsterrad stürzen zu müssen.

Oder am Wochenende: sich etwas Zeit nehmen für ein entspanntes Bad in der Wanne bei Kerzenschein – einmal ganz ohne Podcast oder Musik, ohne Gedanken an die nächsten Termine oder andere Ablenkungen. Eine regelmäßige 'Me-Time' lässt sich fast immer integrieren – sie ist ungemein wichtig für unsere 'Psycho-Hygiene' und unser psychisch-emotionales Wohlbefinden und unsere Zufriedenheit im Alltag.

Bevor du geht, nimm dir vielleicht noch einen Gedanken mit in deinen Tag:

  • „Es gibt nur zwei Tage in deinem Leben, an denen du nichts ändern kannst. Der eine ist gestern und der andere ist morgen.“ (Dalai Lama)
     
  • „Die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ (Pearl S. Buck)
     
  • „Vergangenheit ist Geschichte, Zukunft ein Geheimnis und jeder Augenblick ein Geschenk“(Ina Deter)
     

Oder wie Johann Wolfgang Goethe es damals schon ausdrückte...

Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen

 


Hat dir dieser Beitrag gefallen? Wo hattest du Schwierigkeiten beim Verstehen (oder Üben)?
Vielleicht gibt es einen Menschen in deinem Leben, für den diese Zeilen ebenfalls hilfreich sein könnten. Wer fällt dir dazu spontan ein? :)


Und falls du gern noch etwas mehr eintauchen möchtest...

Hier gibt es auch noch eine Fortsetzung zu diesem Artikel :)

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