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Mai
09

Aspekte der Übungspraxis im Taichi

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Taichi Artikelserie

Taichi ist weit mehr, als 'ein bisschen sanfte Bewegung für ältere Leute' - und es hat ein riesiges Potential, wenn man es nicht nur auf das Üben von langsamen Formen beschränkt, wie es bei uns im Westen leider oftmals geschieht.

Es vereint das kulturelle Erbe der traditionellen chinesischen Bewegungs- Entspannungs- und Kampfkünste zu einem einzigartigen Ganzen. Taichi besitzt nicht nur einen hohem gesundheitlichen Wert, sondern auch großes Potential zur persönlichen Entfaltung und Entwicklung.

Wie vielfältig Taichi (oder besser Taijiquan) sein kann und welche unterschiedlichen Schwerpunkte innerhalb der Übungspraxis gelegt werden können, möchten wir an dieser Stelle kurz einmal skizzieren - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Gesundheit allgemein

  • Präventiv - und zur Unterstützung von Regenerations- und Heilungsprozessen

  • positive Wirkungen bei Beschwerden wie Rückenschmerzen, Stress, Schulter- und Nackenverspannungen, Arthritis, Asthma, Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Migräne, Herz-Kreislauferkrankungen, Gelenkschmerzen, Rheuma, Tinnitus, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen und Osteoporose

  • positive Beeinflussung von Verdauung, Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem

  • günstige Beeinflussung des psychisch-emotionalen Wohlbefindens und Gesundheitszustandes – Gesundheit sollte niemals nur auf den körperlichen Aspekt reduziert werden (mehr dazu weiter unten)
     

körperliche Ebene

Taichi ist kein 'Sport' im westlichen Sinne, sondern eine komplexe Bewegungskunst für den ganzen Körper

  • sanftes Ganzkörpertraining - besonders für die posturale (Haltungs-)Muskulatur

  • Kräftigung der Beinmuskulatur, die aufgrund sitzender Tätigkeit oftmals abgeschwächt ist

  • Verbesserung der Herz-Kreislauftätigkeit durch gleichmäßige Beanspruchung fast aller Muskelgruppen

  • Verbesserung der allgemeinen Beweglichkeit und des Aktionsradius einzelner Gelenke

  • Wiederherstellung einer natürlichen Bauchatmung (ruhiger, langsamer, tiefer - daraus resultierend mehr Sauerstoff für Zellen und Gehirn)

  • nachhaltige Schulung der Grob- und Feinkoordination

  • stabilerer Stand und verbessertes Gleichgewicht; Reduzierung des Sturzrisikos

  • Sensibilisierung und Verbesserung der Körperwahrnehmung sowie

  • Verbesserte Körperhaltung und reduzierter Muskeltonus

  • Achtsamerer und bewussterer Umgang mit seinem Körper und der eigenen Gesundheit

  • Verringerung verschiedener Risikofaktoren chronischer Erkrankungen

  • Vorteil der flexiblen Anpassbarkeit an die aktuelle körperliche Leistungsfähigkeit
    (auch lange Formen, schnelle Bewegungen und tiefe Stände sind möglich)

     

psychisch-emotionale Ebene

Taichi verbindet äußere Bewegung und innere Ruhe - es ist eine Art 'bewegte Meditation'

  • der meditative Aspekt des Übens beruhigt und klärt den Geist

  • günstige Beeinflussung des vegetativen Nervensystems - Aufbau situativer Stressresistenz und psychisch-emotionaler Stabilität

  • der Übende lernt, sich geistig zu fokussieren und diesen Fokus wahlweise nach innen und nach Außen zu richten

  • Gelassenheit im Alltag und das Behalten innerer Ruhe auch in angespannten Situationen

  • Achtsamere und reflektiertere Wahrnehmung des eigenen psychisch-emotionalen Zustandes - dadurch bessere Selbst- und Handlungskontrolle, sowie realistischere Selbsteinschätzung (des psychisch-emotionales Zustandes) - ähnlich wie beim auch beim Yoga, Qigong oder der Meditation

  • das regelmäßige und kontinuierliche Üben verlangt - und fördert gleichermaßen - ein gewissen Maß an Disziplin und Fokus, Geduld und (innerer) Ausdauer.
     

Kampfkunst

Taichi (im Sinne des Taichiquan) wurde konzipiert als intelligente Form der Selbstverteidigung, welche sich bestimmter biomechanischer und psychologischer Prinzipien bedient, um mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Wirkung zu erreichen... So lernt der Übende z.B.

  • Härte mit Weichheit zu überwinden

  • Stabilität und Verwurzelung im Stand und in der Bewegung zu finden

  • Kraft nur dann und dort zu verwenden, wo sie auch notwendig ist

  • Die Kraft des Gegenübers für sich selbst und gegen diesen arbeiten zu lassen

  • große Kraft mit wenig eigener Muskelkraft oder Muskelmasse zu erzeugen

  • die schwächste Stelle im eigenen System (Körper und Geist gleichermaßen) und im Gegner zu erkennen und zu nutzen, statt Kraft gegen Kraft arbeiten zu lassen

  • Nachgeben und Zurücknehmen, als in manchen Situationen besser Alternative, zu verstehen und zu nutzen

  • die Bedeutung des richtigen Momentes einer Aktion
    (körperlich, aber auch psychisch oder rhetorisch)

     

energetische Ebene

... nun und dann ist da noch ein Aspekt, der auch in anderen Methoden und Übungssystemen wie dem Yoga z.B. auftaucht. Er ist weniger schnell, direkt oder unmittelbar erfahrbar, wie die körperliche Dimension - aber untrennbar mit Qigong und Taichi verbunden und ein wichtiger Teil der Übungspraxis.

 

einige Übungsaspekte im Taichi (Taijiquan)

  • Vorbereitende Übungen - Mobilisation, Dehnung und Lockerung; Vorbereitung des Geistes

  • Chansigong (Seidenfaden- und Spiralübungen) - zum Erfahren von Bewegungsfluss, Dynamik und Weichheit in Verbindung mit der eigenen Atmung als Impuls- und Rhythmusgeber

  • Einzelübungen und Form – einfache oder komplexere Kombinationen einzelner Bewegungen oder Teilbewegungen zur Schulung von Koordination, Beweglichkeit und Gleichgewicht; Erfahrung der eigenen Körperlichkeit; Bewegungserfahrung und Körperwahrnehmung aus einer neuen Perspektive

  • Körperstrukturarbeit – Aspekte wie Aufrichtung, Zentrierung, Verwurzelung, Mühelosigkeit und Natürlichkeit umsetzen, verstehen und in den Alltag transferieren

  • TuiShou (Klebende, oder auch schiebende Hände) – die Leitprinzipien des Taichi als Kampfkunst in der Partnerarbeit erfahrbar gemacht

  • Kampfkunst und Selbstverteidigung - Taichi als Kampfkunst und Form der Selbstverteidigung arbeitet viel mit Distanz, richtiger Gewichtung des Körpers und der intelligenten Verwendung biomechanischer und physikalischer Prinzipien, statt rohe Kraft einzusetzen und auf die eigene körperliche Überlegenheit zu vertrauen

  • Neigong / innere Übungen – dazu gehören z.B. stille Meditation und Achtsamkeitsübungen, ebenso wie das ZhanZuhang (Stehen wie ein Baum) oder das langsame meditative Gehen zum Erreichen von innerer Ruhe, Klarheit und geistigem Fokus. Mit stillen Übungen verbunden ist oftmals auch die Erfahrung, wie schwierig es anfangs sein kann, nur im Hier und Jetzt zu sein … und das wir oftmals nicht Herr im eigenen Haus sind, wenn es um die vielen Gedanken im eigenen Kopf geht
     

* Wir verwenden auch hier wieder die in Deutschland mittlerweile gebräuchlichste Schreibweise 'Taichi' – sie orientiert sich noch am inzwischen überholten Wade-Giles Umschriftsystem zum Transfer der chinesischen Phonetik in die englische Sprache.

Korrekter wäre, dem moderneren Pinyin-System folgend, eigentlich die Schreibweise Taiji oder Taijiquan nach dem auch der Begriff Qigong Eingang in die Deutsche Sprache gefunden hat (Das 'quan' im Taijiquan bedeutet hier Faust und verweist auf den Kampfkunst-Aspekt – der Begriff des Taiji allein bezieht sich nämlich auf das philosophisch-daoistische Konzept 'Taiji' als eines der höchsten universellen Prinzipien unserer erfahrbaren Welt und des Makrokosmos).

Nach der immer noch gebräuchlichen Wade-Giles Variante, wie man sie im englischen Sprachraum noch häufig findet, würde unser gewohntes 'Qigong' also dann als 'Chi-Kung' geschrieben – übrigens das gleiche 'Kung' wie in 'Kung-Fu' – das in Pinyin korrekter dann eigentlich wiederum 'Gongfu' geschrieben und 'gung fu' ausgesprochen werden müsste. Soviel Beitrag also erst einmal zu deiner anfänglichen Verwirrung, lieber Leser.

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